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January 17, 2018 | Author: Anonymous | Category: Kunst & Geisteswissenschaften, Schreiben, Journalismus
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15. Nov. 2009: 11:30 Uhr Festvortrag zu 45 Jahre Willi-Graf-Studentenwohnheim Dr. Walter Flemmer:

Ethik und Journalismus: ein Widerspruch? Eine Vorbemerkung Ethik ist kein überholter Begriff, wer ernsthaft über den Zustand unserer Gesellschaft diskutiert, kommt an ihm nicht vorbei. Wir sprechen von Bioethik, Umwelt- und Medizinethik, von Wissenschafts- und Wirtschaftsethik, von pädagogischer und feministischer Ethik, um nur einige Beispiele zu nennen. Seit mehr als einigen Jahren ist die Rede auch von der Medienethik, angestoßen durch Medienskandale oder Medienunfälle. Eine immer wieder aufflammende Medienkritik ist als Thema inzwischen in die allgemeine Debatte über das Selbstverständnis und das Wohin der Gesellschaft eingegangen. Doch haben wir überhaupt Maßstäbe, wenn wir über Grenzbereiche der Praxis der Berichterstattung urteilen? Der Journalist, der Medienberichterstatter, ist immer auch Beobachter. Aber gibt es eine objektive Berichterstattung? Beobachtung ist ohne jemand, der beobachtet, nicht möglich, und dieser Jemand beobachtet von seinem Standpunkt aus. Eine auf einem belebten Platz aufgestellte Kamera, die ohne menschliches Zutun einfach aufnimmt, was sie vor der Linse tut, hat nichts mit Journalismus zu tun. Wenn freilich ein Journalist oder eine Cutterin, später aus dem aufgezeichneten Material eine Sendung produzieren, stellen sich die Fragen, mit denen wir uns gerade beschäftigen. Ethik beginnt mit der Frage nach der Bedeutung der Worte „gut“ und „böse“ , „gut“ oder „schlecht“. Sie gehört zu den ältesten Fragen der Philosophie. Gibt es einen Unterschied zwischen „gut“ und „böse“, gibt es zwischen „gut“ und „besser“ einen Konsens? Journalistisches Handeln Die Fotografin Herlinde Koebel hat vor einiger Zeit einen Film mit dem Titel „Die Meute“ gedreht und gefragt: Wie verhalten sich Journalisten in der Öffentlichkeit, bei der Jagd nach Informationen? Sie zeigte, wie Journalisten und Kameraleute sich auf Politiker stürzen, sie zeigte Bodyguards, die einen Reporter zu Boden rempeln, sie zeigte die aufgefahrenen starrenden Mikrophone. Eine Meute ist am Werk, die alles und jedes auffrisst, jagt, die in alle Ecken schnüffelt, die keine Schamgrenze zu kennen scheint. Was stellt das Fernsehen mit den Zuschauern an, wenn ihnen gezeigt wird, wie der Diktator Saddam Hussein aus seinem Loch, in dem er sich versteckt hat, gezogen wird? Und dann tauchte ein Video auf, aufgenommen mit einem Mobiltelefon, Bild und Ton machten deutlich, in welch entwürdigender Weise Saddam erledigt wurde. Die Frage war: Ist nicht auch die Gesellschaft, die eine solche Exekution zu Medienspektakel macht, pervers? Gibt es nicht eine Menschenwürde, die sogar noch für einen Verbrecher zu gelten hat? Das Video wurde auch ins Internet gestellt und wurde immer wieder abgerufen. Hat dieses Video, haben die Aufnahmen der Folterszenen aus Abu Ghraib der Aufklärung, der Information gedient? Braucht die Meute nicht immer wieder entsprechende Sensationen, um bemerkt zu werden? Die Zeitschrift „Chrismon“ dokumentierte in Erzählungen Betroffener das Verhalten der Kamerateams beim Tsunami im Dezember 2004. Die Betroffenen erlebten

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Journalisten bei der Jagd nach Bildern und Geschichten. Thomas Deckert und Ulrich Meyer erzählten. Ich zitiere Deckert: "Wir waren auf dem Schiff - und unsere Gedanken kreisten noch um das, was geschehen war: Wir dachten an das Kind, das gestorben war. An den Mann, der durchgehalten - ein Franzose, Karin hatte ihm Lieder gesungen, bis nach 14 Stunden der erste von zwei Hubschraubern kam. Voller Adrenalin kamen wir in Phuket an. Stellen Sie sich das vor: eine schmale Gangway, und auf der anderen Seite der ganze Kai voller Kameraleute. Das war ein Spießrutenlauf! Dazu die Einheimischen, die uns berührten und "Lucky! Lucky" riefen. Sie wollten von unserem Glück was abhaben, wir hatten ja überlebt. Die Fotografen hielten uns die Kamera ins Gesicht und fragten in allen Sprachen. Wir wollten selber fragen, wir hatten ja keine Ahnung vom Ausmaß der Katastrophe. Aber die haben gefilmt und gefilmt, da war kein Respekt, gar nichts." ..."Noch eine Situation: Wir waren noch auf der Insel, waren mit den Toten beschäftigt, die wir in Leintücher eingewickelt hatten. Aber wir mussten ihnen doch einen Namen geben. Wir haben sie wieder ausgepackt, den Anblick werde ich mein Leben nicht vergessen. Ich hab dann "Heinrich" auf einen Zettel geschrieben... Also, ich mache das Tuch auf, und auf einmal kommt da eine Kamera, "Foto machen!" - und jemand macht ein Foto." Meyer: "Ich habe dafür keine Entschuldigung. Das sind Menschen, die ihren Benefit, ihren Nutzen aus einer Katastrophe ziehen." Erinnern Sie sich an die Maddie-Story? Fehlte den Medien in der Berichterstattung über die in Portugal verschwundene Madeleine Mc Cann die nötige Distanz? Die Eltern des kleinen Mädchens haben die Medien für ihre Zwecke eingespannt. In England brach geradezu eine Medienhysterie aus. Der Fall Maddie war zur Soap Opera geworden. Lutz Tillmann, Geschäftsführer des Deutschen Presserates meinte dazu: "Medienvertreter aus der ganzen Welt haben sich gemeingemacht mit den Eltern der entführten Madeleine Mc Cann, während diese wiederum - und das macht den Fall so außergewöhnlich - sich ebenso gemein gemacht haben mit den Medien." Hätten sich die Medien zurückhalten können oder müssen?

Ethisch relevante Fragen beim Medienkonsum und der Medienproduktion Der Konsum wie die Medienproduktion werfen ethisch relevante Fragen auf: Erstens auf der Vermittlungsebene: Mit welchem Ziel vermittle ich? Zweitens auf der Inhaltsebene: Was vermittle ich? Drittens auf der Präsentationsebene: Wie vermittle ich? Diese Fragen sind unterschiedlichen Handlungs-, Moral- und Ethiksystemen zugehörig. Dabei gilt sicher, dass Medienhandeln notwendig mit Normen zusammenstößt. Medienschaffende, aber auch Mediennutzer müssen sich mit diesen Normen auseinandersetzen, mit Normen, die auch miteinander konkurrieren können. Die normativ vorgegebenen Verhaltensweisen können nur wirksam werden, wenn individuell Verantwortung wahrgenommen wird. Ich gebe zwei Beispiele für den Respekt als Voraussetzung jeglichen Handelns und der Wahrnehmung von Verantwortung. Es sind Beispiele aus meiner journalistischen Tätigkeit. Im Rahmen von fünf einstündigen Dokumentationen über die Kultur und Geschichte Syriens wollte ich auch einen Film über das muslimische Erbe drehen. Ich hatte die schriftliche Erlaubnis des Religions- und Informationsministeriums, überall drehen zu dürfen und stand eines Tages mit meinem großen Team vor der Sayda-ZeynabMoschee, in der eine Enkelin Mohammeds begraben ist. Ich wollte unbedingt in

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dieser prächtigen und im Außenbezirk von Damaskus stehenden Moschee drehen und zeigte dem Verwalter meine Dreherlaubnis. Doch dieser wehrte ab, weder das Religions- noch das Informationsministerium interessiere ihn, noch nie sei ein Fernsehteam in die Moschee gekommen und schon gar nicht eines von Ungläubigen. Ich fragte: Kann ich den Imam, den höchsten Geistlichen der Moschee, sprechen? Der komme erst in ein bis zwei Stunden wieder, war die Antwort. Ich wartete und stimmte mein Team auf Geduld ein. Der Imam kam und sogar war sogar bereit, mit mir zu sprechen. Ich erklärte ihm meine Absicht, machte meine Kenntnis seiner Religion deutlich, erläuterte ihm, dass ich mich im Koran auskenne. Wir tranken mehrere Tässchen kardamongewürzten Kaffee, und noch etwa einer Stunde stand der bärtige Geistliche auf, umarmte und küsste mich auf beide Wangen und sagte: Bruder, ich vertraue dir, du hast Respekt vor meiner Religion, du wirst sie nicht schlecht machen, du kannst alles haben. Und wir durften mit dem ganzen Team in der Moschee drehen, in der die Gläubigen leidenschaftlich und laut vor dem Schrein der Heiligen beteten. Ich hatte mich zurückgehalten, ich hatte Vertrauen gewonnen. Ähnlich ging es mir in Japan. Jahrelang hatte ich bei der Vorbereitung eines Filmes über die Kultur des Zen in Kyoto versucht, den Abt eines Klosters zu überzeugen, dass ich mit dem Kamerateam bei einer nächtlichen Meditationszeremonie dabei sein musste, wenn ich Zen erklären wollte. Immer wieder lehnte der Abt ab. Wir störten nur, meinte er. Eines Tages saßen wir wieder beisammen, der Abt, ein mit mir befreundeter japanischer Philosophieprofessor und ich. Ich wurde geprüft, ich durfte meine Kenntnisse des Zen erläutern, und nach einer Weile entfernte sich der Abt in ein Nebenzimmer. Dann kam er mit einem schönen Fächer zurück. Ich habe für dich ein Haiku auf diesem Fächer geschrieben, sagte er, du hast mich überzeugt, du hast du kannst heute Nacht mit deinem Team kommen und alles aufnehmen, was du willst. Wäre ich selbstherrlich journalistisch aufgetreten, hätte ich nie die für meinen Film wichtigen Szenen bekommen. Doch, so frage ich auch: Ist es nicht verständlich, dass sich Menschen wehren, durch die Medien in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden? Wann ist die Grenze überschritten? Wann darf ich Menschen nicht überreden, sich der Kamera zu sterlen? Mediale Verletzung oder Selbstauslieferung In der letzten Zeit ist immer wieder von der Reality-Falle die Rede gewesen. Bei allen Fernsehsendern haben sich die Doku-Soaps vermehrt. Menschen werden verlockt, ihre Probleme, ihr Leben vor den Zuschauern auszubreiten. So in der Reihe "Frauen Tausch" auf RTL II. Zwei Frauen wechseln für die Show zehn Tage lang ihre Familien. Dabei werden sie ständig von der Kamera beobachtet. Man spricht vom "Sozial-Spanner TV". Mehr als 60 solcher Sendungen finden sich pro Woche im deutschen Fernsehen. Im "Spiegel" stand zu lesen: "Tag für Tag werden so im deutschen Fernsehen Schuldner beraten, Kinder erzogen, Häuser umgebaut, Schwiegertöchter gesucht und Frauen getauscht. Es werden Süchtige therapiert, Ehen oder Restaurants gerettet, Nachbarschaftskräche geschlichtet, Straßenkinder aufgelesen und Schulabschlüsse nachgemacht." Um die realen Protagonisten zu finden, werden Scouts ausgeschickt, häufig sind sie Praktikanten oder Volontäre. Immer wieder berichten mir junge Leute in meiner Fernsehakademie davon, dass sie es kaum noch ertrügen, wieder auf die Suche nach einer Tochter, die bereit ist, im Fernsehen ihre Mutter fertigzumachen, einen Exhibitionisten, einen Nachbarn, der mit seinem Nachbar abrechnet, ausgeschickt zu werden.

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Ist es mit dem journalistischen Ethos vereinbar, in dieser Weise Jagd auf Menschen zu machen, sie für ein minimales Honorar breit zu klopfen, ins Studio zu kommen und zur Unterhaltung der Massen ihre Situation möglichst wirklichkeitsnah auszubreiten? Da es immer schwieriger wird, Menschen mit spannenden Geschichten zu finden, ist man neuerdings auf die Idee verfallen, denn Schauhunger so zu befriedigen, dass man sich entsprechende Geschichten ausdenkt und versucht, Laiendarsteller, aber auch Kleindarsteller zu gewinnen, die dann drehbuchgenau die neue Form der DokuSoap realisieren müssen. Dürfen Journalisten, Medienmacher, die Menschenwürde verletzen, die Privatsphäre von Mitmenschen rücksichtslos öffentlich machen? Diese Frage stellte sich auch bei der Verhaftung des ehemaligen Postchefs Klaus Zumwinkel. Hatte die Bochumer Staatsanwaltschaft den Termin der bevorstehenden Durchsuchung den Journalisten vorab signalisiert? Schon vor den Fahndern ist im Morgengrauen ein Übertragungswagen des ZDF in dem Kölner Villenviertel vorgefahren, in dem der mutmaßliche Steuerhinterzieher lebt. Gleich nach Beginn der Razzia waren die Zuschauer live dabei. Haben Promis, Personen des öffentlichen Lebens, in diesem Zusammenhang weniger Rechte als andere Bürger? Wie war das, als die Bildzeitung über Seehofers Berliner Geliebte und deren Schwangerschaft berichtete? Hatte hinter den Kulissen jemand, vielleicht ein Parteifreund, die Infos an die Zeitung gegeben, um Seehofer politisch matt zu setzen? Hätten sich die Journalisten, denen die Umstände zugetragen wurden, weigern sollen, diese publik zu machen? Heribert Prantl hat damals in der SZ geschrieben: "Das Blatt selbst hat sich in der Überschrift des ersten Artikels zutreffend charakterisiert: Da steht das Wort . Dieser Selbstbeurteilung kann man nicht widersprechen, denn auf diesem Terrain kennt das Blatt sich aus...Die Klärung seiner privaten Verhältnisse ist die Sache von Seehofer und seiner Familie und nicht die einer Zeitung." Die Medien verbreiten Informationen, was immer auch geschieht, scheint berichteswert zu sein. Im Blick auf die Medienethik ergibt sich dabei der Konflikt zwischen einem Recht auf Information seitens der Öffentlichkeit und dem individuellen Persönlichkeits- und Datenschutz. Immer wieder gelangt man so zum Skandaljournalismus, einer Berichterstattung, die nicht primär der Information, sondern einer sichtlich sich ständig steigernden Sensationsgier und einem Voyeurismus sondergleichen entgegenkommt. Politiker bestimmen nicht nur über die Rundfunkgesetze das Programm mit, sondern direkt auch über ihre Auftritte. Wie sollen Journalisten sich verhalten? Hätten sie zum Beispiel Schröders Ehegeschichten nicht behandeln sollen? Sollten, konnten sie kritisieren, dass Schröder quasi als Wahlvorbereitung Frau Köpf heiratete, damit er auch als Ehemann punkten konnte? Hätten Journalisten verhindern sollen und können, dass Theo Waigel seine neue Frau in einer Talkshow von RTL dem Fernsehvolk vorführte, während in einer Talkshow eines anderen kommerziellen TV Senders die Ehemalige die Zuschauer zu Tränen rührte? Die Turtel-Swimmingpool-Fotos des ehemaligen Verteidigungsministers Rudolf Scharping, die in der Illustrierten "Die Bunte" veröffentlicht wurden, sind kritisiert worden. Die Chefredakteurin der "Bunten", Frau Rieckel hat auf einer Podiumsdiskussion bei den "Medientagen" deutlich gemacht, dass der Minister selbst die treibende Kraft gewesen ist, er habe alle Bilder vor der Veröffentlichung vorgelegt bekommen und sie freigegeben. Minister Scharping hatte sich also von der Veröffentlichung seines Liebestaumelst etwas versprochen. Er galt nicht gerade als ein sehr kommunikativer Zeitgenosse und schon gar nicht als Aufreißer. Journalisten formulierten: "Er rührt sich nicht, schaut nicht, sagt nicht Muh noch Mäh. Dieses

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Benehmen vertreibt die Leute aus seiner Nähe." Er war bitter davon enttäuscht, dass seine andere Selbstwahrnehmung nicht honoriert wurde. Er selbst sah sich als lockeren lustigen, gefühlsbetonten Zeitgenossen. Mit dem Knutsch-und Planschbildern wollte er der Öffentlichkeit sein anderes Bild vermitteln. Hätten die Journalisten der "Bunten" das Angebot Scharpings, an den Pool zu kommen, ausschlagen sollen, vielleicht mit dem Hinweis auf moralische Bedenken? Hätten Sie ihm sagen sollen: So benimmt man sich nicht in der Öffentlichkeit, so etwas tut man nicht? Als kommerzielles Unternehmen wollte und musste die Illustrierte die Auflage des Blattes steigern. Scharping selbst hat sich mit den Fotos der Lächerlichkeit preisgegeben, hat sich selbst demontiert. Wäre es die Aufgabe von Journalisten gewesen, ihn vor der Selbstdemontage zu bewahren? Vielleicht nicht in dieser Größenordnung, aber immer wieder in der Alltagsarbeit von Journalisten, stellt sich die Frage: Soll ich so oder so handeln? Soll ich alles, was mir angeboten wird, bringen? Darf ich überhaupt Wirklichkeit verhindern? Wie soll ich einen Sachverhalt schildern, und komme ich bei solchen Entscheidungen nicht in die Versuchung, die sogenannte Schere im Kopf wirksam werden zu lassen? Kann es bei Amokläufen noch eine Privatspäre geben? Im "Spiegel" wurde ebenso wie im "Stern" die Geschichte des jungen Amokläufers von Erfurt in allen Details ausgebreitet. Während der "Stern" die Tat rekonstruierte und einige Interviews brachte, hatte der "Spiegel" die Nase vorn und druckte eine Fülle von Familienfotos ab. Die Familie beim Urlaub, in Teneriffa, Ungarn, der Junge vor einer Torte der Aufschrift "Jugendweihe". Das Privatleben inszeniert für die Medien. Wie kam der "Spiegel" zu den Fotos? Die Familie muss sie ihm gegeben haben, wahrscheinlich wurde viel Geld für sie bezahlt. Wieder: eine Öffnung der Privatsphäre. Ohne Zwang, so dürfen wir fragen? Oder kann sich heute niemand verweigern, wenn die Medien anrücken? Ist es selbstverständlich geworden, die Türen zu öffnen und die Reporter ins Wohnzimmer zu bieten und ihnen auf jede Frage zu antworten, ihnen auch die privatesten Bilder zur Verfügung zu stellen? Die Reporter, die das Erfurter Amok-Drama ins Bild setzten, hätten wahrscheinlich gelacht, wenn wir ihre Tätigkeit mit Fragen nach der Ethik ihres Tuns konfrontiert hätten? Anfang des Jahres 2001: Ein böser Nachbar sprengt gezielt sein Haus in die Luft, um seine Familie zu schocken und Nachbarn umzubringen, nachdem er sich erschossen hat. Mein Haus hat plötzlich keine Dachziegel mehr, keine Fenster und Türen. Es ist Nacht, aber zwei Stunden nach der Tat stehen schon Fernsehteams privater Sender in meinem Garten und wollen filmen, wollen mich interviewen. Ich werfe sie hinaus, verbiete ihnen den Einbruch in meine Privatsphäre. Einen besonderen Einblick in den Zusammenhang von Privatsphäre und Medien lieferte die Berichterstattung über den Tod von Alexandra Schürmann, der Tochter von Petra Schürmann, die viele Jahre lang eines der Vorzeigegesichter des Fernsehens im Bayerischen Rundfunk gewesen war. Trauer und Beisetzung wurden regelrecht inszeniert. Interviews mit der Mutter, die durch einen Selbstmordgeisterfahrer die auch beim Fernsehen beschäftigte Tochter verloren hatte, reihten sich aneinander. Alle Boulevardzeitungen öffneten ihre Seiten, und die Betroffene breitete ihren Schmerz detailliert aus. Was oder wer hatte sie zur Öffnung der Privatsphäre genötigt? Oder hatte die bekannte Fernsehdame überhaupt keine Privatsphäre mehr? Die AZ Sonderseiten über die Beisetzung gerieten zur Journalisten-Lyrik unter Aufzählung von Prominamen.

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Die Privatsphäre war wiederum von der Betroffenen selbst geöffnet worden, weil Öffentlichkeit für die in der Öffentlichkeit Stehenden unerlässlich ist, weil sie sich im Gespräch halten müssen? Petra Schürmann hat schließlich ein Buch über ihre Trauer geschrieben, und auch die Entstehung und Präsentation des fertigen Buches wurden wieder öffentlich zelebriert. Ein Gegenbeispiel: Die Beerdigung der Frau, die bei einem Skiunfall durch Ministerpräsident Althaus umkam, wurde von der Familie der Getöteten nicht zum Medienereignis gemacht. Die Familie verbot jegliche Aufnahmen. Für uns ist die Frage wichtig: Sollten sich die Betroffenen bei vergleichbaren Ereignissen mehr zurückhalten oder sollten sich die Journalisten auf einen Ehrenkodex verpflichtet fühlen, der es verbietet, mit Menschen und ihr persönliches Umfeld breit ins Licht der Öffentlichkeit zu bringen? Noch einmal Erfurt. Ich zitierte aus der "Süddeutschen Zeitung" vom 2.5.2002: "Vier Stunden liegt der Mordlauf des 19jährigen zurück. In der Nähe des Gutenberg Gymnasiums sitzt ein älterer Schüler auf einer Gartenmauer. Sein Gesicht ist rot geweint, der Körper zittert. Instinktiv wendet man den Blick aus Anstand ab. Plötzlich schreit er laut seinen Schmerz hinaus. Ein Kamerateam rennt hin, hält das Objektiv drauf. Bevor es filmen kann, schützen die Freunde den Jungen. "Haut ab!" Als das Team sich nicht trollt, greift ein Polizist ein." Der Oberbürgermeister hat schließlich verfügt, dass bei Trauerfeiern auf Friedhöfen striktes Medienverbot herrscht. Ich finde die Verfügung des Oberbürgermeisters verständlich und richtig. Auch die Zeitschrift "Der Journalist", das Organ des deutschen Journalisten Verbandes hat nach Ehrfurt die Frage nach journalistischer Qualität, Ethik und Professionalität gestellt. Zitiert wird die des Direktors des Mitteldeutschen Rundfunkhauses Erfurt, Werner Dieste: "Die Brutalität der Medienmaschinerie ist wie ein Bulldozer über Ehrfurcht gerollt. Ein Katastrophenschutzhelfer sagte: >Wir kamen fast nicht zu den Verletzten, soviel Pressemenschen standen vor dem Gutenberg Gymnasium
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