Markuspassion Karfreitag, 25.03.2016, 15 Uhr, Stadtkirche St

January 8, 2018 | Author: Anonymous | Category: Kunst & Geisteswissenschaften, Darstellende Kunst, Theater
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Markuspassion Karfreitag, 25.03.2016, 15 Uhr, Stadtkirche St. Rochus, Zirndorf Eine Passion und nicht von Bach? Von Reinhard Keiser? Nie gehört! Damit dürften viele Musikliebhaber nicht alleine stehen. Und in der Tat ist Reinhard Keiser – 1674 geboren, also gut zehn Jahre vor Johann Sebastian Bach – heute nur Wenigen ein Begriff. Im Alter von 11 Jahren wurde er Thomas-Schüler in Leipzig, also etwa vier Jahrzehnte, bevor Bach dort seine Tätigkeit als Thomas-Kantor begann. Die meiste Zeit seines Lebens wirkte Keiser am damals berühmtesten Opernhaus Deutschlands, nämlich im Hamburg. Dort an der Oper am Gänsemarkt, dessen Leitung er mehrere Jahre inne hatte, lernte er auch andere berühmte Komponisten-Kollegen kennen: keine Geringeren als Georg Friedrich Händel, Georg Philip Telemann, Johann Adolph Hasse und auch ein gewisser Johann Mattheson führten hier ihre eigenen Opern auf und wirkten auch als Sänger oder leitende Instrumentalisten mit. Diese geballte Komponisten-Elite der Barockzeit begeisterte die bessergestellt Oberschicht Hamburgs. Weniger begeistert war man in kirchlichen Kreisen, da diese durch die neue Musikgattung "Oper" Sitten und Moral gefährdet sahen. Sie befürchteten, dass die Aufführungen "… zur Beförderung der Wollust und dem Verderb der guten Sitten …" beitrügen. Da die vorsichtig lavierenden Hamburger Ratsherren es sich nicht mit den mächtigen kirchlichen Institutionen verderben wollten, ließen sie vor der Einführung eines regelmäßigen Opernbetriebs ein juristisches und theologisches Gutachten anfertigen. Die beauftragten Fakultäten kamen zu dem Beschluss, dass der Opernbesuch zulässig sei und den Akteuren nicht das Abendmahl vorenthalten werden dürfe. Allerdings wurden Aufführungen an Sonn- und Feiertagen untersagt. Der eben erwähnte Mattheson hat der Nachwelt als Musiktheoretiker wichtigere Werke hinterlassen als mit seinem musikalischen Œuvre. Zeit seines Lebens hatte er viele bedeutende Komponisten persönlich kennen gelernt, unter anderen die oben Genannten, aber auch Johann Sebastian Bach und dessen Söhne. In einer seiner Abhandlungen über bedeutende Komponisten, schrieb Mattheson knapp und prägnant, dass nach seiner Einschätzung Reinhard Keiser "… der größeste OpernComponist von der Welt …" sei. Ergänzend kann man noch sagen: einer der Produktivsten, denn über 100 Opern und Singspiele sind aus seiner Feder verzeichnet, die meisten von ihnen wurden im Hamburger Opernhaus uraufgeführt. In seinen letzten zehn Lebensjahren war Keiser Nachfolger von Mattheson als Kantor am alten Hamburger Dom (seit der Reformation protestantisch). Von da an widmete er sich – wenig überraschend – fast ausschließlich der Kirchenmusik. Aber irgendwann zwischen den ganzen Opern entsteht plötzlich eine Passion, die Johann Sebastian Bach so beeindruckte, dass er sie wenigstens dreimal selbst aufführte: das erste Mal gegen 1713 in Weimar und zwei weitere Male in Leipzig (1726 und 1745). Dass Bach diese Passion für ein Meisterwerk hielt, mag man daran erkennen, dass er sie nicht nur in seinen früheren Jahren aufführte, sondern auch noch wenige Jahre vor seinem Tod. Mit keinem anderen Werk eines

Zeitgenossen hat er sich so langfristig und intensiv auseinandergesetzt. Den Usancen der damaligen Zeit entsprechend, bearbeitete Bach bei seinen Aufführungen in Weimar und Leipzig das Original, um sie den jeweiligen aktuellen Gegebenheiten anzupassen, zum Bespiel hinsichtlich der Solisten und Instrumentalisten oder auch, um die Komposition mit eigenen Chorälen zu ergänzen. Für die Aufführung schreibt Keiser eine relativ schlanke Instrumentierung vor: jeweils zwei Violinen, Violen, Oboen, eine umfangreiche Continuo-Gruppe mit Orgel, Cello, Kontrabass und zwei Fagotten, dazu vier Gesangssolisten und ein vierstimmiger Chor. Die Vokalpartien Petrus, Judas, Hohepriester, Pilatus, Hauptmann, Magd und Kriegsknecht sind den Gesangssolisten zugeordnet, hinzu kommen traditionell die Stimmen für Jesus durch den Bass und für den Erzähler bzw. Evangelisten in Form von Rezitativen durch den Tenor. Die aufgewühlte Volkesstimme wird durch den Chor repräsentiert (z.B. "Kreuzige ihn!"). Dazu kommen kontemplative Arien, Chöre und Choräle (mehrstimmige Kirchenlieder), die das dramatische Geschehen – beginnend mit der Ölberg-Szene bis zur Grablegung – kommentieren und seine Bedeutung für den Zuhörer noch plastischer illustrieren. Sicherlich handelt es sich bei der Markus-Passion um eine ganz hervorragende Komposition, die zu Recht einen hohen künstlerischen Rang einnimmt. Die Ausgewogenheit zwischen den Arien, Chören, Chorälen und Rezitativen ist bewundernswert. Auch die Verteilung der zehn Arien über das gesamte Werk zeigt ein dramaturgisches Geschick: jeweils drei übernehmen der Sopran, Alt und Tenor. Ganz im Zentrum steht die zehnte Arie, die dem Bass zugedacht ist. Auch die abwechslungsreiche instrumentale Begleitung der Arien zeugt von einer großen kompositorischen Meisterschaft. Alle Sätze der Passion sind bei Keiser deutlich knapper angelegt als die der Bach-Passionen. Dadurch entsteht ein Werk, das in seiner Dynamik den dramatischen Spannungsbogen dauerhaft beibehält, was Keisers Meisterschaft als hervorragender Opernkomponist zu verdanken ist. Bach hat für seine eigenen Passionen sicherlich Anleihen bei Keiser genommen. Er dürfte von ihm gelernt haben und seine eigene kompositorische Weiterentwicklung dürfte von ihm beeinflusst worden sein, bis hin zu seinen großen Meisterwerken, der Johannes-Passion (Uraufführung 1724) und der Matthäus-Passion (Uraufführung 1727). Schon der strukturelle Aufbau – die Aneinanderreihung von Rezitativen, Arien, Chören und Chorälen – weist Ähnlichkeiten bei beiden Komponisten auf. Auch die Betonung des dramatischen Passionsgeschehens durch den raschen Wechsel von Rezitativen, Chören und Arien hat Bach zum Vorbild für seine eigenen Passionskompositionen genommen. Deutliche Unterschiede sind allerdings bei der Gestaltung der Arien und Choralsätze zu bemerken: während Bach in der Regel alle Stilmittel der barocken Farbpracht einsetzt, verwendet Keiser eine eher schlichte Harmonik, die vermutlich auch dem damaligen Hamburger Zeitgeist geschuldet war, wonach sich eine Passion eher asketisch darstellen muss und nicht mit einem musikalischen Genuss verbunden sein darf. Dies kontrastiert

allerdings mit der sehr ideenreichen und klanglichen Farbigkeit der überaus abwechslungsreich begleitenden Instrumente. Und noch einmal zurück zum Anfang: die Markus-Passion von Reinhard Keiser? Bedauerlicherweise können wir uns in dieser Hinsicht nicht ganz sicher sein. Das Autograph der Markus-Passion ist nämlich verschollen und auch die von Bach verwendeten Abschriften lassen auf keine eindeutige Autorenschaft schließen. Nur durch diese Abschriften ist uns die Markus-Passion überhaupt erhalten. Die zahlreichen Unterschiede in den einzelnen Abschriften erschweren es außerordentlich, ein exaktes Entstehungsjahr der Passion zu benennen, vermutet wird die Zeit zwischen 1700 und 1710. Zudem beeinträchtigen sie stellenweise aber auch eine klare Differenzierung zwischen Keisers Original und den Ergänzungen anderer Komponisten. Bach war jedenfalls der Meinung, eine Komposition Keisers vor sich zu haben. Ein gedrucktes Libretto der Markus-Passion verzeichnet zwei Namen: Reinhard Keiser und Friedrich Nicolaus Bruhns (ein Onkel des berühmteren Komponisten und Orgel-Virtuosen Nicolaus Bruhns). Leider lässt die Aufschrift den heutigen Leser rätseln, ob einer der Genannten der Komponist der Markus-Passion und der andere der Dirigent einer Aufführung ist und wenn ja: wem kam bei dieser Aufführung welche Rolle zu? Und um die Sachlage noch mehr zu komplizieren: auch Gottfried Keiser, der Vater von Reinhard Keiser, von dem Mattheson schreibt, dass er "…auch ein guter Componist …" gewesen sei, wird zuweilen als Schöpfer der Markus-Passion vermutet. Bei aller berechtigten Skepsis bleibt nur Eines gesichert: es gibt keine eindeutigen Belege, die gegen eine Autorenschaft von Reinhard Keiser zeugen, aber auch keine, die dafür sprechen. Und so lange die Musikwissenschaft diese Zweifel durch weitere Forschungen oder Fundstücke nicht beheben kann, dürfte die Markus-Passion bis auf Weiteres mit dem Namen Reinhard Keiser verbunden bleiben.

Klaus Klingen

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