SWR2 Musikstunde

January 9, 2018 | Author: Anonymous | Category: Kunst & Geisteswissenschaften, Musik
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SWR2 Musikstunde "Tönet, ihr Pauken" Musikalische Begegnungen mit Pauken und mehr als Trompeten (5) Von Christian Schruff Sendung: Redaktion:

Freitag, 18. Juli 2014 Ulla Zierau

9.05 – 10.00 Uhr

Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.

Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Musik sind beim SWR Mitschnittdienst in Baden-Baden für € 12,50 erhältlich. Bestellungen über Telefon: 07221/929-26030 Kennen Sie schon das Serviceangebot des Kulturradios SWR2? Mit der kostenlosen SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen Veranstaltungen des SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen. Mit dem Infoheft SWR2 Kulturservice sind Sie stets über SWR2 und die zahlreichen Veranstaltungen im SWR2-Kulturpartner-Netz informiert. Jetzt anmelden unter 07221/300 200 oder swr2.de

2 SWR 2 Musikstunde mit Christian Schruff

Freitag, 18.07.2014

"Tönet, ihr Pauken"

Musikalische Begegnungen mit Pauken und mehr als Trompeten (5)

Mit Christian Schruff. Heute beschließen wir die Reihe: „Tönet, Ihr Pauken“ mit Teil 5 der musikalischen Begegnungen mit Pauken und mehr als Trompeten. Willkommen dazu!

„Draufhauen kann jeder“ – das hat der „Jahrhundertpauker“ Peter Sadlo einmal gesagt und fuhr dann fort: „Aber ein Geräusch durch Phrasierung, Artikulation und Expression klanglich so zu kultivieren, daß es Musik wird – das ist Kunst.“ Sadlo sagte das, als er über den Zyklus „Eight Pieces for Four Timpani“ vom großen Amerikaner Eliot Carter gesprochen hat – „Acht Stücke für vier Pauken“, komponiert in den 1950er und 60er Jahren. Musik 1 CD Track 14 Eliot Carter Eight Pieces for Four Timpani No. 8 March Peter Sadlo, Pauken KOCH-SCHWANN, 3-6569-2, EAN 0 99923 65692, LC01083

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Absage In der Mitte des 20. Jahrhunderts hat Eliot Carter die Möglichkeiten der Pauken zum ersten Mal in diesen Zyklus systematisch erforscht. Er hat etwa präzise notiert, an welcher Stelle das Paukenfell angeschlagen werden soll – am üblichen Schlagfleck oder am Rand des Fells oder in der Mitte. Carters Zyklus hat andere Komponisten angeregt für Pauken zu komponieren und sogar Solokonzerte zu schreiben. Ein Paukenkonzert, dazu Kammermusik und besondere Orchesterstellen mit Pauke werde ich Ihnen heute vorstellen. Möglich wurden solch ausdrucksvolle Stücke auch deshalb, weil die Pauken seit dem 19. Jahrhundert technisch weiter entwickelt worden sind. Der größte Fortschritt kam Mitte des 19. Jahrhunderts. Musiker und

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Instrumentenbauer haben verschiedene Ideen entwickelt, wie man die Tonhöhe bei Pauken ändern kann – und zwar schnell und präzise. In alten Zeiten mussten etliche Schrauben rund um das Fell gespannt oder gelockert werden, wenn das Fell für einen höheren Ton stärker gespannt werden sollte oder für einen tieferen Ton entspannt. Joseph Haydn hat zum Beispiel in seinem Oratorium „Der Schöpfung“ sieben verschiedene Stimmungen der Pauken verlangt. Das bedeutete großen Aufwand für den Spieler. Nachdem man Ventile erfunden hatte für die Trompeten und man dadurch unterschiedliche Tonarten spielen konnte, mussten auch die Pauken flexibler werden. In Amsterdam hat man Dreh-Mechanismen erfunden, in Leipzig Hebel und Kurbeln zum Stimmen der Pauken. Der Durchbruch aber kam in den 1880er Jahren mit den Pedalpauken. Wer genau deren Erfinder war, das weiß man nicht mehr. Gelegentlich ist die Rede vom Pauker des Opernhauses in Neapel. Zum Patent angemeldet und perfektioniert wurde die Pedalpauke jedoch vom Orchesterdiener der Dresdner Hofkapelle, Carl Pittrich, 1881. Einer der ersten Komponisten, die die neuen Möglichkeiten sofort ausprobiert haben, war Richard Strauss in seiner Burleske für Klavier und Orchester d-Moll – und zwar sofort in den ersten Tönen. Musik 2 CD Track 1 Richard Strauss Burleske d-Moll Byron Janis, Klavier Chicago Symphony Orchestra Ltg: Fritz Reiner BMG, 0902668638-2, LC00316

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Absage Das Paukenmotiv durchzieht die Burleske, die der junge Strauss gerne als sein „Klavierkonzert“ bezeichnet hat. Richard Strauss hat die moderne Entwicklungen der Pauken sofort aufgegriffen und die Pauken sehr innovativ behandelt in seinen Orchesterwerken und seinen Opern– besonders in „Salome“. Aber auch in Italien wurde das Dresdner Patent

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der Pedalpauke schnell verbreitet. In Verdis „Otello“ gibt es Stellen, die Verdi nur deshalb so komponieren konnte, weil mit der Pedalpauke zum ersten Mal der Pauker mit dem Fuß die Pauke umstimmen konnte. Beide Hände waren endlich frei zum Spielen – Pausen zum Umstimmen nicht mehr nötig. Mit der Erfindung des Pedals war die Pauke zum Melodie-Instrument geworden. Umstimmen der Pauke ist mit dem Pedal deutlich einfacher geworden. Eine Skala an der Seite der Pauke zeigt die Tonhöhe an. Zusätzlich gibt es auch noch einen Feinstimmer. Die Pedalpauke ermöglicht auch noch einen weiteren Effekt: das Glissando. Dabei wird während eines Paukenwirbels die Tonhöhe stufenlos verändert, gleitet höher oder tiefer. Béla Bartók hat diesen Effekt verwendet in einem seiner zukunftsweisenden Werke, der „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ aus dem Jahr 1936. Deren 3. Satz ist eine Musik der außergewöhnlichsten Klänge. Frappierend ist hier Bartóks Phantasie im Erfinden neuer Farben, neuer Zusammenklänge und seine akribische Organisation dieser Zusammenklänge zu erleben. Der 3. Satz ist schlicht mit „Adagio“ überschrieben – langsam. Ein lyrisches Nachtstück nimmt unser Ohr gefangen von den ersten wie zufällig hingeworfenen, hohen Tönen im Xylophon, unter denen sich bald die geheimnisvollen Pauken-Glissandi ausbreiten. Musik 3 CD Track 8 07:00 Béla Bartók Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta 3. Adagio Chicago Symphony Orchestra Ltg.: Fritz Reiner BMG, 09026 61504 2, LC00316 Absage Ein Jahr nach diesem Werk für den Schweizer Neue-Musik-Mäzen Paul Sacher hat Bartók dann noch eine Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug komponiert.

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Der erste Komponist, der nur Pauken und Klavier in einem Stück Kammermusik zusammen gebracht hat, war der Russe Alexander Tscherepnin. Sein Vater und erster Lehrer, Nicolai Tscherepnin, hatte bei Rimsky-Korsakoff komponieren gelernt. Alexander Tscherepnin war also dessen Enkelschüler. Er verließ seine russische Heimat zuerst nach Shanghai, dann, 1938, nach Paris und hat sich schließlich in den USA niedergelassen. Tscherepnins Sonatine hat vier kurze Sätze. Glissandi sucht man vergebens, so avanciert wie Bartók zu selben Zeit war Tscherepnin dann doch nicht. Dennoch ist diese Sonatine bemerkenswert, denn wir erleben im Lauf der Sätze immer wieder, wie die herkömmlichen Rollen von Klavier und Pauke getauscht werden. Das Klavier begleitet die solistisch auftrumpfenden Pauken. Und die Pauken spielen mehr als nur harmonische und rhythmische Akzente. Musik 4 CD Tracks 4 - 7 Alexander Tscherepnin Sonatine für drei Pauken und Klavier (1938) Albrecht Volz, Pauken Andreas Baumann, Klavier AUDITE, 95.433, EAN 4009410 954336, LC04480 Absage

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SWR 2 Musikstunde

Im 20. Jahrhundert haben die Komponisten das Schlagzeug entdeckt – nicht nur die Pauken. Auf den Weltausstellungen in Paris lernten Claude Debussy, Maurice Ravel und viele andere die Musik Asiens kennen. In der hat die Perkussion einen ganz anderen Stellenwert als in der westlichen Musik. So wurden enorme kreative Kräfte freigesetzt, die bis heute nachwirken, wenn man im Konzert den Schlagwerkstar Martin Grubinger erlebt. Der hat einen Fundus von über 600 Schlaginstrumenten. Natürlich auch Pauken – vier Stück, die zusammen rund € 200.000 kosten. Etwas weniger Geld ist im Spiel, wenn in den „Enigma-Variationen“ von Edward Elgar die Pauken einen Schiffs-Diesel imitieren sollen. Die 14 Variationen sind ja Portraits von Elgars Freunden, deren Identität Elgar in geistreichen Anspielungen zum Rätsel gemacht hat – „Enigma“Variationen eben. Die vorletzte Variation hat Elgar „Romanza***“ überschrieben. Viel ist gerätselt worden, wer sich dahinter verbirgt.

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Vermutlich eine Jugendfreundin, der Elgar in Leipzig begegnet war. Die Indizien dafür: Elgar zitiert in der Klarinette eine Melodie, die ein doppeltes Zitat ist. Einerseits die Arie des Florestan aus Beethovens „Fidelio“ - „In des Lebens Frühlingstagen“. Andererseits ein Thema aus Felix Mendelssohn Bartholdys Ouvertüre „Meeresstille und Glückliche Fahrt“. Mit Beethoven weist Elgar auf seine jungen Jahre, mit Mendelssohn nach Leipzig und darauf, dass ein Engländer damals eine Seereise unternehmen musste, um dorthin zu gelangen. Und da kommt nun auch die Pauke ins Spiel. Sie soll das Tuckern, das Rattern des Motorschiffs imitieren. Ein Paukenwirbel, gespielt auf dem Metallrand der Kesselpauke, der das Fell gespannt hält, bildet den Grund für die Klarinettenmelodie. Bei Paukern hat sich inzwischen eingebürgert, diese Stelle mit zwei Münzen zu spielen statt mit Schlägeln. Denn damit wird der Maschinen-Effekt noch deutlicher... Musik 5 CD Track 20 Edward Elgar Enigma-Variationen op. 36 Var. 13: „Romanza ***“ London Philharmonic Orchestra Ltg: Daniel Barenboim CBS, EAN 5099707652921, 06868

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Absage Ende des 19. Jahrhunderts hat sich Edward Elgar in der Spieltechnik der Pauken fast schon wie ein Avantgardist bewegt. Er blieb natürlich immer ein Spätromantiker, ganz wie sein Idol Richard Strauss. Ein echter Avantgardist ist der Italiener Sylvano Bussotti. Der Florentiner begann seine Studien kurz nach dem Ende des 2. Weltkriegs bei einem Schüler Arnold Schönbergs. Er verehrte John Cage und ist zeitlebens auf der Suche nach neuen Klängen. In den 70er Jahren begann Bussotti einen Zyklus von Orchesterwerken unter dem Titel „Il catalogo è questo“ – den hat er sich von Mozart geborgt, aus der „Registerarie“ des Leporello im „Don Giovanni“.

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Die verschiedenen Sätze haben Überschriften, die die Fantasie der Hörer anregen: „Florentinata“ oder „Paganini“ oder auch „Wunderkind“. Der vorletzte Satz heißt so wie das Instrument, das im Mittelpunkt steht: „Timpani“ – Pauken. Musik 6 CD Track 10 Sylvano Bussotti „Il catalogo è questo“ 7. Timpani Simon Stierle, Pauken Philharmonisches Orchester Luxemburg Ltg.: Arturo Tamayo TIMPANI, 2C2114, LC

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Absage 1984, 5 Jahre vor Wende, hat der Komponist Siegfried Matthus sein Konzert für Pauken und Orchester komponiert. Es war ein Auftragswerk der Staatskapelle Dresden für deren Solopauker Peter Sondermann. Matthus nannte das Konzert „Der Wald“. Hintergrund war das Waldsterben, das in der DDR kein öffentliches Thema werden durfte. Matthus spannt in diesem Konzert den Bogen vom romantischen Wald, wie er in der Musik Carl Maria von Webers vorkommt, über Gesten der Klage im 2. Satz bis hin zum Aufbegehren und Protest im Finale. Da versammelt sich das Orchester hinter den Solisten. Es ist also kein Konzertieren als Wettestreit sondern eher eines in gegenseitiger Zuneigung. Drei Sätze hat das Paukenkonzert von Siegfried Matthus und zwischen den Sätzen Solo-Kandenzen der Pauke. Wir steigen in den 2. Satz ein. Dem Konzert vorangestellt hat Matthus Zeilen aus Hölderlins „Hyperion“: „O Baum des Lebens, daß ich wieder grüne mit dir und deine Gipfel umatme mit all deinen knospenden Zweigen! Friedlich und innig, denn alle wuchsen wir aus dem goldenen Samkorn herauf!“

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CD Tracks 11 – 13 (11:02) Puffer auf Ende Siegfried Matthus „Der Wald“ – Konzert für Pauken und Orchester (1984) 2. Allegro agitato. Larghetto lugubre e lamentoso (Ende), Rezitativ, 3. Allegro vivace risoluto. Andante: Semplice con sentimento Karl Mehlig, Pauken Gewandhausorchester Leipzig Ltg.: Kurt Masur ARS VIVENDI, EAN4101380 102387, LC07082 Absage Fünf Tage lang sind wir dem Tönen der Pauke auf der Spur gewesen – von den Anfängen bis in die Gegenwart. Zum Schluss diese SWR 2 Musikstunde soll die Solo-Pauke das letzte Wort haben. Der Komponist Hans-Joachim Hespos hat 1996 ein „Ritual für mobile Pauke in C“ komponiert. Darin wird wirklich alles, was an einer Pauke klingen kann, zum Tönen gebracht. Kreativer kann man das Motto „Tönet, ihr Pauken“ wohl kaum umsetzen. Hespos hat das Stück nach der Paukerin benannt, für die er es geschrieben hat: „monske“ – nach Cornelia Monske. Sie lehrt heute Perkussion an der Musikschule Calw und konzertiert international. Ich habe sie schon in meinem Jugendorchester hinter den Pauken thronen sehen dürfen und natürlich gehört. Jetzt spielt Matthias Kaul „monske“. Musik 8 CD Track 4 Hans-Joachim Hespos Monske. Ritual für mobile Pauke in C Matthias Kaul, Pauke CPO, EAN 761203 98902, LC08492 Absage Das war die SWR 2 Musikstunde mit Christian Schruff: „Tönet, Ihr Pauken!“. Schön, dass Sie dabei waren.

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Wenn Sie Musiktitel recherchieren oder das Manuskript der Musikstunde nachlesen möchten, dann besuchen Sie doch unsere Internetseiten unter swr2.de/Musikstunde. Dort finden Sie die Sendung auch eine Woche lang zum Nachhören. Und falls Sie an einem CD-Mitschnitt einer der Musikstunden interessiert sind, wenden Sie sich bitte telefonisch an die SWR Media GmbH unter der Service-Nummer: 07221/929-26030.

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